Die Frage nach der Wahrheit ist nicht überholt – sagt die Physik

Die Frage nach der Wahrheit ist nicht überholt – sagt die Physik

Hat alles eine Ursache?

Die Tagespost | 27.06.24

Wie wir durch experimentelle Messungen längst wissen, vermögen wir naturhaft durch unsere Sinne tatsächlich lediglich einen Ausschnitt der Welt wahrzunehmen. Mit anderen Worten: Unsere Augen, unsere Ohren, unser Tast-, Geruchs- und Geschmacksinn sind zu „träge“, um die ganze Wirklichkeit, die uns umgibt, wahrnehmen zu können. […]
Eigentlich erfordern die Erkenntnisse der Quantenphysik es, dass wir uns ein völlig anderes Bild von der Welt, die uns umgibt, machen, als die Physik des 19. Jahrhunderts es nahelegte. […]
Schien es lange Zeit so, als würde der angenommene Dualismus von Geist und Materie durch die Physik zugunsten der Materie entschieden, so weist das Pendel seit rund hundert Jahren unaufhörlich in die andere Richtung. „Information ist der fundamentale Baustein des Universums“, schreibt der Wiener Experimentalphysiker Anton Zeilinger in „Einsteins Spuk“. Und der ungarische Physik-Nobelpreisträger Eugene Wigner (1902 – 1995) meinte gar: „Geist ist die grundlegende Realität.“ […]
Sogenannte Meta-Erzählungen, die von den Vordenkern der Postmoderne auf den Müllhaufen der Geschichte verbannt wurden und zu denen auch die Schöpfungsberichte zählen, haben daher auch in säkularen Wissensgesellschaften keineswegs ausdient. Sie dürfen weiterhin, eher mehr als früher, als legitimer Versuch betrachtet werden, sich einen Reim auf Dinge zu machen, die sich jenseits des für uns Erkennbaren aufhalten. „Glaube und Vernunft sind“ eben, wie der heilige Papst Johannes Paul II. in „Fides et ratio“ schreibt, „wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt“.

Kommentar:

Mit dem Verdunsten des Christentums schwindet in den westlichen Gesellschaften auch die Frage nach einer vorgegebenen Wahrheit über die Welt und die Menschen, über gut und böse.
In seiner brillanten Rede vor dem Bundestag hat Papst Benedikt XVI. diese Thematik angesprochen: „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande“, hat der heilige Augustinus einmal gesagt. Wir Deutsche wissen es aus eigener Erfahrung, daß diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind. […] Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers. […] Wie erkennen wir, was recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden […], bleibt die entscheidende Frage, vor der der Politiker und die Politik auch heute stehen.“
https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/gastredner/benedict/rede-250244
Doch diese Frage wird heute in weiten Bereichen der Politik nicht mehr gestellt.
Die aktuelle These z.B., Abtreibung sei ein Menschenrecht, wird nur damit begründet, dass sich die Einstellung der Menschen eben geändert habe und die frühere Auffassung überholt sei. Dafür sucht man Mehrheiten und findet sie wohl auch (siehe Frankreich) und die Mehrheit entscheidet. So einfach ist das! Bald sicher auch in anderen Bereichen. Wird unser Staat langsam zur Räuberbande? Darf man eine solche Frage in Zukunft überhaupt noch stellen?

(83)