Ein Mann mit Rückgrat

Ein Mann mit Rückgrat

Jan Josef Liefers & Co.: Promis mit bizarrer Video-Serie gegen Virus-Politik

Focus | 23.04.21

Eine Reihe Videoclips bekannter deutscher Schauspielern flutet das Internet. Darin üben Schauspiel-Stars wie Jan Josef Liefers, Heike Makatsch und Volker Bruch offenbar satirische Kritik an der Corona-Politik der Bundesregierung, aber auch an den Medien. […] Jan Josef Liefers bedankt sich in seinem Videoclip bei den deutschen Medien, weil sie dafür sorgten, „dass kein unnötiger kritischer Disput uns ablenken kann von der Zustimmung zu den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Bundesregierung.“ Die Schauspielerin Miriam Stein macht sich nach eigener Aussage Sorgen: „Es kann nicht angehen, dass Menschen denken, sie seien gesund, nur weil sie keine Symptome haben.“ […] Die Verwirrung ist groß. […] Von den Schauspielern selbst kamen bislang kaum öffentliche Einlassungen zu dem Projekt. Als einer der wenigen meldete sich Jan Josef Liefers zu Wort. „Einige Kollegen und auch ich haben hier gesagt, was gesagt werden wollte“, schrieb Liefers am Donnerstag auf Instagram. „Mein Punkt waren die Medien und ihre primäre Berichterstattung im letzten Jahr. Habt Ihr Euch rundherum gut informiert gefühlt? Konntet Ihr Euch aus den Nachrichten eine eigene Meinung bilden? Oder habt Ihr Euch manipuliert gefühlt? Nur halb informiert? Habt Ihr es auch so erlebt, als wären die meisten Journalisten plötzlich einem Chor beigetreten?“

Kommentar:

Es gäbe unendlich viel zu kommentieren, doch soll hier nur auf ganz wenige Punkte eingegangen werden.

 

I) Kaum jemand – außer den treuen Lesern dieser Presseschau – wird wissen, dass der frühere Intendant des WDR, Fritz Pleitgen, schon am 11.07.2019 in einem Interviewe mit dem Handelsblatt „die homogene Berichterstattung (kritisiert) und vor dem Verfall der Demokratie (gewarnt hat)“. Hier können Sie das nachlesen:
Ehemaliger WDR-Intendant im Interview Fritz Pleitgen: „Die Meinungsvielfalt gerät in Gefahr“
https://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/ehemaliger-wdr-intendant-im-interview-fritz-pleitgen-die-meinungsvielfalt-geraet-in-gefahr/24578112.html?ticket=ST-1576414-oRDPhJwwpLmDgcffgcz3-ap5

 

Sie finden dort Sätze wie:- „Die Meinungsvielfalt gerät in Gefahr. Um sie zu bewahren, ist nicht zuletzt der öffentlich-rechtliche Rundfunk gefordert. Homogene Berichterstattung, wie wir sie bei Themen wie Griechenland, Lokführer-Streik, Russland, Brexit und auch Trump erlebt haben und erleben, ist der schleichende Tod der Demokratie.“
– „In vielen wichtigen Fragen beobachte ich eine homogene Berichterstattung. Alle marschieren in eine Richtung, nicht selten im Einklang mit der vorherrschenden Meinung in der Politik. Bedenklich!

 

II) Hat Herr Liefers etwas anderes gesagt? Warum bekommt er „Prügel“ und Herr Pleitgen nicht?

 

Sollte man bei Herrn Liefers nicht auch einmal fragen, ob er durch seine Erfahrungen in und mit der DDR vielleicht „sensibler“ auf Entwicklungen in der Bundesrepublik reagiert?

 

Dass er sich treu geblieben ist, zeigt ein Blick in die Berliner Zeitung vom 25.04.21:
„Liefers zeigte schon als Schauspieler in der DDR, dass er sich als politisch denkender Mensch versteht, der seine öffentliche Rolle dafür einsetzt, um staatliches Handeln kritisch zu spiegeln. Am 4. November 1989 – wenige Tage vor dem Fall der Berliner Mauer – nahm Liefers vor mehreren Hunderttausend Menschen als Redner an einer Demonstration teil, die am Alexanderplatz in Ost-Berlin stattfand. Sie war eine der größten Demonstrationen in der Geschichte der DDR. Liefers meldete sich zu Wort und kritisierte die DDR-Führung, während die Veranstaltung live im DDR-Fernsehen übertragen wurde.“
https://www.berliner-zeitung.de/wochenende/jan-josef-liefers-1989-die-menschen-haben-zu-entscheiden-wer-fuehren-soll-li.155000
Dort findet man auch den Wortlaut der Liefers-Rede.

 

Die Frage sei erlaubt, ob alle, die ihn heute angreifen, damals bei der Demo in Berlin den Mut aufgebracht hätten, sich öffentlich so kritisch zu äußern wie Herr Liefers.
Immerhin kann man bei Wikipedia nachlesen: „Angehörige der Volkspolizei waren kaum sichtbar […] Die Ost-Berliner Grenztruppen waren jedoch in erhöhter Alarmbereitschaft, da die DDR-Führung einen Durchbruch der Demonstranten zur Berliner Mauer befürchtete. Zusätzlich verlegte die Führung in der Nacht vom 3. auf den 4. November NVA-Soldaten der 1. MSD organisiert in vierzehn Hundertschaften nach Ost-Berlin,[8] die während der Demonstration gedeckt in Bereitschaft standen.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Alexanderplatz-Demonstration

 

IV) Im übrigen sehen auch andere Leser Parallelen durchaus Parallelen zu ihren persönlichen Erfahrungen in der DDR:

 

– „Früher musste ich linientreu sein in der DDR … Das ist heute und hier doch ganz genauso. Gut ich komm nicht nach Bautzen, dafür werde ich in die rechte Ecke gedrängt,diffamiert die nf verleumdet. Nennt sich dann aber freiheitlicher demokratischer Rechtsstaat.“
– „In Zeiten wie diesen…wo gegensätzliche Meinungen und sachliche Diskussionen von den Regierenden und ihren Medien total blockiert werden, bleiben nur noch Ironie und Humor. Erinnert mich sehr an meine Kindheit in der DDR. Dort war man auch gezwungen dem System mit diffusen Mitteln entgegenzutreten, da die anderen Möglichkeiten nicht mehr zu Verfügung standen. Meine Feststellung diesbezüglich: „getroffene Hunde bellen“…in diesem Fall sehr laut!!!“
– „Wenn Künstler die Meinung der Regierung vertreten, dann werden sie in den Medien gefeiert, usw.. Wenn Künstler eine andere Meinung, als die Regierung, haben, dann werden sie ausgegrenzt. Das war in der DDR auch so. Wo bleibt die Toleranz zur Meinungs-Vielfalt?“

 

Dieser Aspekt kam auch in der Sendung 3nach9 zur Sprache (ab Minute 6:18), wo sich der Kanzlerkandidat der Union, Herr Laschet, für die Meinungsfreiheit stark machte:
https://www.ardmediathek.de/video/3nach9/schauspieler-jan-josef-liefers-zu-allesdichtmachen/radio-bremen-fernsehen/Y3JpZDovL3JhZGlvYnJlbWVuLmRlLzhiNWFmNzA0LTIzZGItNDQxOS1hMGFmLTFkY2MxNzdkNDc0OA/

 

Ein letzter Gedanke:
Dass man die Rolle der Medien kritisch sehen kann oder auch muss, soll der Hinweis auf den Wirecard-Ausschuss verdeutlichen. In den unterschiedlichen Medien wurde zwar oft darauf hingewiesen, dass der Ausschuss sehr gute Arbeit leiste, aber es ist schon „erstaunlich“, dass praktisch nie erwähnt wurde, dass der Vorsitzende dieses effektiv arbeitenden Ausschusses Herr Gottschalk von der AfD ist.
Sollten das nur möglichst wenige erfahren?
Und wenn ja: aus welchen Gründen?

(253)