Die etwas andere Weihnachtsansprache

Die etwas andere Weihnachtsansprache

Appell des Bundespräsidenten an die im Bundestag vertretenen Parteien zum Umgang mit der AfD

Eigener Beitrag | 29.12.18

Frohe Weihnachten Ihnen allen!
Bei vielen von uns kommt zum Weihnachtsessen die Familie – vielleicht auch wieder die ganz bestimmten Verwandten, bei denen man schon vorher weiß, dass wir uns über Politik in die Haare kriegen. Ich finde: Wie gut, dass wir diskutieren; wie gut, dass wir miteinander reden!
Ich habe [allerdings] den Eindruck, wir [Parteipolitiker] sprechen immer seltener miteinander. Und noch seltener hören wir einander zu. Wo immer man hinschaut: Da wird gegiftet, da ist Lärm und tägliche Empörung. Nur, so sehr wir uns über [die AfD] ärgern oder sie uns gleich ganz wegwünschen, eines gilt auch morgen noch: Wir alle gehören zu diesem Land – unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe, von Lebensanschauung oder [Parteizugehörigkeit].
Das ist das Schöne und das Anstrengende an der Demokratie zugleich. Wir müssen [in der Politik] wieder lernen, zu streiten, ohne Schaum vorm Mund, und lernen, unsere Unterschiede auszuhalten.

 

Sie haben es in der Hand: Sprechen Sie mit Menschen, die nicht Ihrer Meinung sind! Sprechen Sie ganz bewusst mal mit jemandem, über den Sie vielleicht schon eine Meinung haben, mit dem Sie aber sonst kein Wort gewechselt hätten. Ein Versuch ist das wert. Das ist mein Weihnachtswunsch an Sie. Und das ist auch mein eigener Vorsatz für das nächste Jahr. Lassen Sie uns dafür sorgen, dass unsere [Parteien] mit sich im Gespräch bleib[en]!
Was passiert, wenn Gesellschaften auseinanderdriften, wenn eine Seite mit der anderen kaum noch reden kann, ohne dass die Fetzen fliegen – das sehen wir in der Welt um uns herum. Wir, in der Mitte Europas, sind natürlich nicht geschützt gegen solche Entwicklungen. Auch bei uns im Land gibt es Ungewissheit, gibt es Ängste, gibt es Wut.
Umso deutlicher will ich Ihnen sagen, was ich als Bundespräsident jeden Tag erfahre: Unsere Demokratie ist stark! Unsere Demokratie ist [aber] immer [nur] so stark, wie wir sie machen.
Sie baut darauf, dass wir unsere Meinung sagen, für unsere Interessen streiten. Und sie setzt uns der ständigen Gefahr aus, dass auch der andere mal Recht haben könnte.
Also: Trauen wir uns doch!
Ich bin zuversichtlich für das, was kommt im nächsten Jahr. Und Zuversicht wünsche ich auch Ihnen ganz persönlich. Gesegnete Weihnachten!

Kommentar:

1) Satire darf bekanntlich alles. Und daher ist auch eine Bearbeitung der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten mindestens erlaubt, wenn nicht gar geboten: Im Original wendet sich der Bundespräsident eindeutig (und einseitig!) nur an die „Deutschen“, die „lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger“ http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2018/12/181225-Weihnachtsansprache-2018.html
und merkt wohl nicht, dass er dieselben „Appelle“ an die politischen Parteien bzw. die Politiker richten könnte, ja müsste, wie es die bearbeitete Fassung macht.
Zeigt das nicht, wie „abgehoben“ die Politiker sind, wenn sie meinen, die „einfachen“ (bzw. die dummen) Menschen von oben her belehren zu müssen, was sie zu tun oder zu lassen haben?

 

2) Die „bearbeitete“ Fassung ist ein „Perspektivwechsel“ mit Blick auf die „demokratischen Parteien – ohne die AfD“ (wie nach den letzten Landtagswahlen zu hören war: „Wir führen Gespräche mit allen demokratischen Parteien außer der AfD.“) Und allein da zeigt sich, dass die Vorsitzenden der etablierten Parteien auch nicht ansatzweise das zu tun bereit sind, was der Bundespräsident von den Wählern meint fordern zu müssen: „Sprechen Sie ganz bewusst mal mit jemandem, über den Sie vielleicht schon eine Meinung haben, mit dem Sie aber sonst kein Wort gewechselt hätten.“
Und wenn ein (wegen der alarmierenden Umfragewerte für seine CDU) besorgter Landesvorsitzender gegen den Beschluss des Bundesparteitags erklärt, er sei auch zu Gesprächen mit der AfD bereit, dann giftet seine (namenlose?) Bundesvorsitzende AKK sofort zurück: „Das ist nicht die Auffassung des Konrad-Adenauer-Hauses und der anderen ostdeutschen Landesverbände.
https://www.focus.de/politik/deutschland/vor-landtagswahl-in-brandenburg-trotz-machtwort-von-parteichefin-akk-ost-cdu-chef-besteht-auf-gespraechen-mit-afd_id_10116986.html
Und sie fügt hinzu: „Wir lehnen eine Zusammenarbeit mit Linken und AfD klar ab.“
https://www.berliner-zeitung.de/politik/annegret-kramp-karrenbauer—wir-lehnen-eine-zusammenarbeit-mit-linken-und-afd-ab–30044950
So viel zur Aufforderung des Bundespräsidenten „Sprechen Sie mit Menschen, die nicht Ihrer Meinung sind!

 

3) Der Bundespräsident beklagt auch: „Wo immer man hinschaut: Da wird gegiftet, da ist Lärm und tägliche Empörung.“ Und wieder spricht er nur die Mitbürgerinnen und Mitbürger an, die sich täglich „empören“. Hätte er in seinem Sinn nicht sofort die Bundeskanzlerin anrufen sollen, als Angela Merkel die Unterstützung der „Gelbwesten“ in Frankreich durch die Linkspartei umgehend als „skandalös“ bezeichnete und damit – wie fast üblich – nicht politisch argumentierte, sondern zur moralischen Keule griff?
https://www.zdf.de/nachrichten/heute/haltung-zu–gelbwesten–merkel-kritisiert-die-linken-100.html

 

4) Es gäbe noch mehr zu kommentieren. Zum Schluss nur noch ein Hinweis:
Der „bearbeitete“ Text der Rede zeigt, wie man den ursprünglichen Sinn einer Rede total verändern kann, und zwar nur dadurch, dass man Passagen einfach weglässt (Für ein solches Vorgehen gibt es – leider – viele Beispiele in den Medien.) und nur ganz wenige Wörter durch andere ersetzt bzw. hinzufügt.
Die ausgelassenen Passagen werden in der „Bearbeitung“ nicht durch […] kenntlich gemacht, doch die Ergänzungen bzw. die Veränderungen sehr wohl.

 

5) Eine allerletzte Bemerkung: In der heutigen Ausgabe der Kölnischen Rundschau ist im Leserforum der folgende Beitrag zu finden: „[…] Selten war eine Rede unseres obersten Repräsentanten hohler und inhaltsleerer. Keine guten Aussichten für 2019.“

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