Eine Stimme der Vernunft

Eine Stimme der Vernunft

Harald Martenstein: «Die Deutschen sind die einzige Nation, die sich abschaffen möchte. Nun müssen sie sich allmählich damit abfinden, dass sie weiterhin Deutsche bleiben müssen»

NZZ | 23.10.23

Die Deutschen wissen nicht mehr genau, wer sie sind. […]. Die Deutschen haben alles in ihrer Kraft Stehende getan, um zu einer postnationalen, also komplett undeutschen Gesellschaft zu werden. Nun befinden sie sich in einer Welt, die sich nicht in diese Richtung verändert hat: Die Nationalstaaten sind immer noch da. […]
Ich stelle fest, dass man in Deutschland schnell Angst kriegt: vorm Weltkrieg, vor Corona, vorm Klimawandel. […]. Fast noch typischer aber ist, dass in Deutschland immer sofort eine Leitlinie des Denkens herausgegeben wird. Wer sich jenseits dieser Linie befindet, wird ausgegrenzt. Das wurde bei Corona besonders deutlich. Das Land erlebte Grundrechtseinschränkungen, wie es sie seit 1949 – ausser in der DDR – im demokratischen Deutschland nicht gegeben hat. Als dann Leute auf die Strasse gingen und gegen diese Grundrechtseinschränkungen demonstrierten, waren die Regierung und die meisten Medien empört darüber. […] Ich war erleichtert. Mir hätte es Angst gemacht, wenn in Deutschland niemand gegen den Verlust von Grundrechten protestiert und wenn alle «hurra» gerufen hätten. Man kann einen Protest auch dann erfreulich finden, wenn man ihm inhaltlich nicht völlig zustimmt. […] Es muss in einer parlamentarischen Demokratie eine klare Alternative geben, eine Opposition. So war ich das zeit meines Lebens gewohnt. Die Parteien waren oft sehr verschiedener Meinung, aber meist einig in ihrem Bekenntnis zur Demokratie. Heute wirkt es manchmal so, als sei Opposition etwas Illegitimes.

Kommentar:

Eine Stimme der Vernunft.

(236)