Politik und Toleranz

Politik und Toleranz

Das letzte Bollwerk – Kann Toleranz eine von immer mehr Feindbildern und Identitäten fragmentierte Gesellschaft zusammenhalten?

Die Tagespost | 22.02.20

Einst war das große WIR die anmaßende Vokabel des Absolutismus, der den Pluralis Majestatis prägte […]. Sonnenkönig Ludwig XIV., die Inkarnation des Absolutismus schlechthin, war nur in einem Fall nicht bereit, durch den Gebrauch des möglicherweise missverständlichen Pluralpronomens Illusionen zu befördern: L’état c’est moi! Der Staat bin ICH! Im Sozialismus erfolgte die dialektisch-sophistische Transformation „Vom ICH zum WIR“, wobei Letzterem vor allem auf Propagandaplakaten ein papierenes Dasein beschieden war.
Angela Merkel könnte als Kreatorin des „Demokratischen Absolutismus“ in die politische Ideengeschichte eingehen. Beherrscht sie doch meisterhaft das große WIR. Vor allem mit dem profanen Satz „WIR schaffen das“ schuf sie ein zivilreligiös aufgeladenes Diktum, dessen abstumpfende Oberfläche sie regelmäßig mit propagandistischer Politur auffrischt. So in ihrer Neujahrsansprache, in der die Kanzlerin 23 Mal das WIR bemühte: WIR wollen, WIR brauchen, WIR müssen, WIR können, WIR werden … Aber wer ist WIR? Das Volk? In Merkels Rede tauchte das Wort nicht ein einziges Mal auf. Wie auch sonst sein Gebrauch im politischen Geschäft mittlerweile zu den zu vermeidenden Peinlichkeiten zählt (Habeck: „Es gibt kein Volk.“). […]
Wenn Gegner von Merkels Kurs, vor allem ihrer Migrationspolitik, mit dem Skandieren der Parole „Wir sind das Volk“ auch Hass- und Gewaltattacken Legitimität zu geben versuchen, mag das als „Pervertierung“ (Wolfgang Thierse) solch historiengetränkten Rufs oder als „Kampfschrei eines Verbitterungsmilieus“ („Die Zeit“) empfunden werden. Falsch ist der Satz nicht. Natürlich sind sie nicht „das“ Volk. Aber sie sind „auch“ das Volk. […]. Das auszublenden, zeugt von kommunikativer Inkompetenz und politischer Tollheit, die längst Methode hat. Es ist die Bankrotterklärung der Politik, ihrer ureigensten Aufgabe nachzukommen, […] in der Demokratie zwischen divergierenden und konkurrierenden Kräften zu vermitteln, im „Volk“ für Frieden und Ausgleich zu sorgen. Oder gibt es einen Plan B, Brechts rigorosem Rat zu folgen, das eigene Volk aufzulösen und ein anderes zu wählen?

Kommentar:

Lesenswert, da grundsätzliche Fragen gestellt werden unter Berücksichtigung aktueller politischer Entwicklungen.

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