Rückblick auf 2006: Viel Aktionismus – kein Erfolg

Rückblick auf 2006: Viel Aktionismus – kein Erfolg

„Bündnis für Erziehung gestartet“

Bundesinnenministerium | 20.04.2006

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat gemeinsam mit der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland sowie deren Fach- und Wohlfahrtsverbänden das „Bündnis für Erziehung“ ins Leben gerufen. Das von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, der evangelischen Landesbischöfin Margot Käßmann sowie Georg Kardinal Sterzinsky heute in Berlin vorgestellte Bündnis unter dem Motto „Werte erwachsen“ soll Kindern und Eltern wertegestützte Orientierung vermitteln.
„Zu viele Eltern fühlen sich in der Erziehung ihrer Kinder verunsichert. Nicht selten fehlt es ihnen in Erziehungsfragen selbst an Orientierung. Wir beobachten heute zunehmend Erziehungsdefizite. Und es gibt eine Ungewissheit darüber, was Eltern fordern dürfen, wie sich Werte heranbilden und wer verantwortlich ist. Erziehung beginnt von Anfang an in der Familie. Aber weil Kinder früh und viel Zeit in den Kindergärten und Schulen verbringen, geht Erziehung auch nicht ohne diese Institutionen und die Menschen, die in ihnen arbeiten. […] Werte wie Respekt, Verlässlichkeit, Vertrauen und Aufrichtigkeit sind Leitplanken, die unseren Kindern helfen, ihren Weg ins Leben zu finden“, sagt Ursula von der Leyen.

Kommentar:

Wie „erfolgreich“ das Bündnis gewesen ist, sieht man heute mit aller Deutlichkeit. Die Ursachen hat ausgerechnet der SPIEGEL schon 2006 (Nr. 10/6.3.06) unter der Überschrift „Jeder für sich – Wie der Kindermangel eine Gesellschaft von Egoisten schafft.“ eindeutig benannt (würde er das heute auch noch so tun?):
„Die Familie ist die erfolgreichste Formation, gerade in Krisenzeiten. Ausgerechnet diese belastbarste Form für das Überleben der Gattung wurde […] zertrümmert. Heute, wo man klarer sieht, sieht man: Wir haben uns die eigenen Lebensgrundlagen entzogen. Dabei geht es nicht nur um die knapp gewordene Ressource „Kind“, über die man nun heftiger und verzweifelter diskutiert als übers Erdöl. Es geht auch um die Ressource „Liebe“.[…] ‚Eine Gesellschaft braucht […] ein Minimum an wachsenden Familien, damit die Selbstlosigkeit, die in Familien produziert wird, in der Gesellschaft spürbar wird. […].’ Und das ist nicht die Sprache der romantischen Illusion, sondern die der Selbsterhaltung, der Biologie! Eine Schöpfungsnotwendigkeit, an der wir herumgefummelt haben, bei Strafe unseres Untergangs!“[…]
Die Kommunarden […] sagten: Nie wieder Familie, nie wieder Deutschland! [….] Sie wollten die Gesellschaft in ihrem innersten Bereich revolutionieren, wollten Eigentum und Egoismus bekämpfen und Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit leben. Allerdings: Wie lebt man Brüderlichkeit ohne Brüder? Die Bewusstseinstrübung […] bestand in der Zertrümmerung der Familie, der Auflösung der Kernzellen unseres Lebens, unserer Menschwerdung. Das Grundbesteck aus Geben und Nehmen, aus Verantwortung, Selbstaufopferung und Hilfe lässt sich nur in der Familie lernen. […] [Doch] die Familien zerfielen weiter und weiter, denn in Gesellschaften, in denen nur noch Neigungen zählen, sind langfristige Bindungen kaum noch möglich. […] Wo alle Optionen immer gleichzeitig offenzubleiben haben, schafft es überhaupt noch jede zweite Großstadtehe zusammenzubleiben, womit eine ganze Menge Scheidungskinder in die Welt kommen, die zunehmend Sozialämter und Schulbehörden beschäftigen. […] Und da die meisten ohne ihren Vater aufwachsen, sind sie ohne Rollenmodelle und suchen sich diese auf der Straße. Die vaterlose Gesellschaft, das Sehnsuchtsziel der 68er, ist in Wahrheit eine der Verwahrlosung […].
Und längst haben die staatlich angestellten Sozialingenieure kapituliert. Jahrelang hatten sie versucht, sich den Zerfall der Familien schönzureden. Im Dezember 1997 noch brachte das Magazin „Familie&Co“ einen Artikel über Alleinerziehende. Dort […] war Erstaunliches zu lesen: ‚Mutter und Kind(er) eine Familie? Und was ist mit dem Vater? Fehlt da nicht etwas? Wir meinen: nein!“ Denn „Kinder ohne Väter werden selbständig, selbstbewusst und lebenstüchtig – sofern sie in einem liebevollen Umfeld mit einer Mutter aufwachsen, die ihre Situation als positive Herausforderung betrachtet.’
Mit Recht wundert sich da der Laie. Das war, als würde man in der „ADAC-Motorwelt“ lesen: „Braucht man für ein Auto die linken und die rechten Reifen? Wir meinen: nein! Die linken genügen. Hauptsache ist, dass die Situation als positive Herausforderung empfunden wird.“
[…] Knapp 10 Jahre später ist es deutlich kälter geworden im Land, und der Weg, den die […]Gesellschaft nun vor sich liegen sieht, ist steinig. […] Kein schöner Anblick, weder für Erwachsene noch für Kinder.“

 

Zwei „zeitgeistige“ Nachträge:
1) In einer öffentlichen Veranstaltung hat 1993 der Antipädagoge Hubertus von Schoenebeck in einem Vortrag unter dem Titel „Unterstützen statt erziehen“ die These vertreten „Kein Kind ist erziehungsbedürftig. Wer Kinder liebt, erzieht sie nicht.“ Erziehung sei letztlich eine Menschenrechtsverletzung.
2) Oskar Lafontaine 1982:
„Helmut Schmidt spricht weiter von Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit. Das sind Sekundärtugenden. Ganz präzis gesagt: Damit kann man auch ein KZ betreiben.“
https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-79805338.html

 

Schlussbemerkung:
Dabei ist eigentlich alles ganz einfach, wenn man das Jesuswort bedenkt: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“.
1) Wer Äpfel ernten will, muss Apfelbäume pflanzen.
2) Wer Birnen will, muss Birnbäume pflanzen.
3) Wer erzogene Menschen haben will, muss junge Menschen erziehen.
4) Wer eine werteorientierte Gesellschaft will, muss sagen, an welchen Werten sie sich orientieren soll.
5) Und wer nach der Verbindlichkeit der Werte fragt, muss nach der Wahrheit fragen und nicht den Konstruktivismus predigen und alles relativieren.
Was wir heute erleben, ist nicht vom Himmel gefallen, sondern Ergebnis einer längeren Entwicklung, die aber kaum jemand „wahr“haben wollte.

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