Krampfhafte Suche nach Negativschlagzeilen in den Medien

Krampfhafte Suche nach Negativschlagzeilen in den Medien

AfD fehlt bei namentlichen Abstimmungen im Bundestag am häufigsten

Der Spiegel | 26.09.19

Leere Reihen im Bundestag? Das sollte es bei der AfD nicht geben. Doch das Präsenzversprechen ist nach einem Medienbericht löchrig. Ihre Politiker sind häufiger abwesend als die der anderen Parteien. […] 66 namentliche Abstimmungen hat das ARD-Magazin „Kontraste“ seit Oktober 2018 ausgewertet. Das Zeugnis über die Anwesenheit von Politikern fällt dabei besonders für die AfD schlecht aus. Sie fehlten demnach weit häufiger als ihre Kollegen aus anderen Fraktionen.

Kommentar:

Die Berichterstattung zu diesem Thema ist ein Musterbeispiel dafür, wie viele Medien versuchen, ihre Nutzer mit sprachlichen Tricks zu beeinflussen.
1) Das beginnt im Spiegel schon bei der Überschrift „AfD fehlt bei namentlichen Abstimmungen im Bundestag am häufigsten“. Wenn „die AfD“ am häufigsten „fehlen“ würde, wäre sie am häufigsten „gar nicht da“. Es fehlt also nicht die AfD, sondern nur eine bestimmte Zahl von Abgeordneten.
2) In der Überschrift des Spiegel ist korrekt nur vom „Fehlen bei namentlichen Abstimmungen“ die Rede und auch im folgenden Text werden als Grundlage für die Statistik nur die 66 namentlichen Abstimmungen seit Oktober 2018 erwähnt. In anderen Passagen dagegen geht es übergangslos allgemein um „leere Reihen im Bundestag“, um ein „Präsenzversprechen“ der AfD, um die „Anwesenheit von Politikern“ (ohne Spezifizierung), wobei „die AfD-Fraktion im Durchschnitt auf eine Fehlquote von 13,57 Prozent (kommt)“.
3) Wie „fließend“ die Übergänge sind, zeigt deutlich diese Passage: „Die 2017 in den Bundestag eingezogene Partei hatte gerade zu Beginn der Legislaturperiode Wert darauf gelegt, starke Anwesenheit im Parlament zu zeigen – und anderen Parteien unzureichende Präsenz vorgeworfen.“ !
Hier geht es eindeutig nicht mehr um die Präsenz bei namentlichen Abstimmungen, sondern eindeutig um die allgemeine Präsenz bei Bundestagssitzungen. Und es kann (oder soll?) der Eindruck entstehen, dass die Abgeordneten der AfD auch hier am häufigsten fehlen. Wenn man aber BT-Sitzungen im Fernsehen verfolgt, gewinnt man meistens einen ganz anderen Eindruck.
4) „Sie fehlten demnach weit häufiger als ihre Kollegen aus anderen Fraktionen.“ Weit häufiger? Nehmen wir nur die SPD: 10,31%, also nur 3,26% weniger als die AfD. Wenn das dramatisch und eine Meldung wert ist, dann liegt die SPD z.B. in Sachsen nicht nur „weit“, sondern „Welten“ hinter der AfD zurück
5) Ein Leser der WELT kommentiert das Ganze so:
„Schön wie hier wieder mit Zahlen gespielt wird. Die Parteien mit den wenigsten Prozenten haben natürlich die höchsten Quoten. Fehlt bei der AFD ein Abgeordneter müssen es bei der Union schon drei sein um auf denselben Prozentsatz zu kommen. Deshalb hat derjenige der öfter mal die Debatten verfolgt nicht zu unrecht das Gefühl das die Union und die SPD mehr fehlen. Fehlen bei der Union im Schnitt 10% dann sind das 24 Abgeordnete. Fehlen bei der AFD z. B. 10% sind das nur 9.“
https://www.welt.de/politik/deutschland/article200966774/AfD-Abgeordnete-fehlen-bei-wichtigen-Bundestagsabstimmungen-am-haeufigsten.html
6) Wenn man das konkretisiert, dann haben bei den 66 namentlichen Abstimmungen im Schnitt gefehlt:
21 von der CDU/CSU
16 von der SPD
12 von der AfD
10 von der FDP
9 von der Linken
6 von den Grünen
Die höchste Fehlquote hat demnach die Union!
7) Der Spiegel hätte also auch titeln können: „CDU/CSU-Abgeordnete fehlen bei namentlichen Abstimmungen im Bundestag am häufigsten“

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