Schlechter Journalismus — Arbeitsmaterial für die gymnasiale Oberstufe

Schlechter Journalismus — Arbeitsmaterial für die gymnasiale Oberstufe

Das führt zu einem Flächenbrand

t-online.de | 10.05.24

Nach dem üblen Angriff auf den SPD-Politiker Matthias Ecke […] überschlagen sich Politik und Medien. […]. Viele haben nun einen Schuldigen ausgemacht, der dafür allein verantwortlich sein soll: die AfD. Das aber springt zu kurz, die Lage ist doch etwas komplexer – und die Partei weiß das für sich zu nutzen.
Ohne Frage ist die AfD ein Frustkatalysator und Zerstörer gesellschaftlicher Normen. […] Zur Wahrheit gehört aber auch: Auch AfDler werden angegriffen. […]
Viele Politiker erwähnen die Bedrohung von AfD-Politikern zurzeit gar nicht, Kommentatoren in den Medien handeln sie oft mit einem Satz ab. […] Diese Zahlen nicht zu thematisieren, weil sie nicht in die eigene Argumentation passen, hilft vor allem der AfD.
Schon jetzt teilen AfD-Funktionäre die Statistik zu den tätlichen Angriffen, tragen sie über die sozialen Medien zu Leuten, die seriöse Medien gar nicht mehr konsumieren. Und verbreiten damit das von ihnen so geliebte Narrativ: Seht her, wir sind die wahren Opfer. Die anderen stehen uns nicht bei.
Dass das nicht stimmt, zeigte am Donnerstag nicht nur Landwirtschaftsminister Cem Özdemir. Der Grünen-Politiker teilte auf der Plattform X die Meldung, dass in Stuttgart zwei AfD-Politiker angegriffen wurden und schrieb: Gewalt und Angriffe hätten in einer Demokratie nichts verloren – völlig egal, gegen wen sie sich richteten. Und: „Gute Besserung den beiden Verletzten.“
Özdemir wischte damit alle Feindbilder beiseite und wandte sich an die Menschen, die Betroffenen von Gewalt. […] Das gelang im Fall des schwer verletzten SPD-Politikers Ecke nicht jedem AfD-Politiker, der sich äußerte.

Kommentar:

Dieser Artikel wäre ein hervorragendes Arbeitsmaterial in Deutsch-Kursen der gymnasialen Oberstufe: Textanalyse.
Hier nur wenige Beispiele:
a) „Ohne Frage ist die AfD ein […] Zerstörer gesellschaftlicher Normen.“ Wieso „ohne Frage“?
b) „Viele Politiker erwähnen die Bedrohung von AfD-Politikern zurzeit gar nicht, Kommentatoren in den Medien handeln sie oft mit einem Satz ab.“ Ist das nur deshalb problematisch, weil es „vor allem der AfD (hilft)“?
c) Was soll daran verwerflich sein, wenn „AfD-Funktionäre die [offizielle] Statistik zu den tätlichen Angriffen über die sozialen Medien verbreiten“?
d) Und warum tun sie das? Die Antwort gibt der Artikel selbst: „Viele Politiker erwähnen die Bedrohung von AfD-Politikern zurzeit gar nicht, Kommentatoren in den Medien handeln sie oft mit einem Satz ab.“
e) Noch ein unterschwelliger Vorwurf an die AfD: Sie tragen die Statistik doch tatsächlich „zu Leuten, die seriöse Medien gar nicht mehr konsumieren.“ Es wird aber nicht gefragt, was das für Leute sind. Sind es die Leute, die die seriösen Medien nicht mehr für seriös halten (und das sind nicht wenige!) und sie deshalb nicht konsumieren? Oder sind es die „Blöden“, die Texte der seriösen Medien nicht mehr lesen können und es deshalb auch nicht tun (also die unterstellte Wählerschaft der AfD)?
f) Sind die seriösen Medien überhaupt seriös, wenn – wie der Text es belegt – Kommentatoren in den Medien die Bedrohung von AfD-Politikern oft mit einem Satz abhandeln?
g) Ganz problematisch (und wenig seriös) ist der Abschnitt zu Özdemir. „Nicht nur er“ sei ein Beleg dafür, dass das Narrativ der AfD nicht stimme: „wir sind die wahren Opfer. Die anderen stehen uns nicht bei.“ Doch wird außer Özdemir sonst noch jemand genannt, der sich am Donnerstag wie Özdemir verhalten hat? Nein!
h) Es ist zwar richtig (und gut): „Özdemir wischte damit alle Feindbilder beiseite und wandte sich an die Menschen, die Betroffenen von Gewalt.“
Aber vor ihm hat das schon – und das wird nicht gesagt – eindrucksvoll Timo Chrupalla getan:
„Physische Angriffe gegen Politiker aller Parteien verurteilen wir zutiefst. Wahlkämpfe müssen inhaltlich hart und konstruktiv, aber ohne Gewalt geführt werden“, schrieb der selbst aus Sachsen stammende Bundespartei- und Bundestagsfraktionschef am Samstag auf der Internet-Plattform X. „Ich wünsche Herrn @MattEcke viel Kraft und rasche Genesung.“
h) Laut t-online „folgte“ Özdemir Michelle Obama (als vermeintlicher Sympathieträgerin) mit ihrem Satz „Wenn die anderen ihre schlechteste Seite zeigen, zeigen wir unsere beste.“ Könnte sich Özdemir nicht auch (vielleicht eher?) an Timo Chrupalla orientiert haben?
i) Der Artikel endet (natürlich) mit dem Satz: [Was Özdemir vorbildlich gemacht habe], „das gelang im Fall des schwer verletzten SPD-Politikers Ecke nicht jedem AfD-Politiker, der sich äußerte.“ Immerhin wird zugegeben, dass es auch Politiker der AfD gegeben hat, die sich wie Özdemir geäußert haben. Aber es wird nicht gefragt, ob es überhaupt Politiker der anderen Parteien gegeben hat, die AfD-Opfern gute Besserung gewünscht haben.
Fazit: Schlechter Journalismus!
Begründung (von Hanns-Joachim Friedrich):
„Einen guten Journalisten erkennt man daran, […] dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache“.
Ausführlicher im Spiegel 13/1995 (zitiert nach Wikipedia):
„Das hab’ ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, daß die Zuschauer dir vertrauen, dich zu einem Familienmitglied machen, dich jeden Abend einschalten und dir zuhören.“

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